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Candelilla > Pop/Rock
18/04/2017 - 18/04/2017 - Oberhausen - Druckluft
Performing Artists:

Candelilla
CAMPING, das 3. Studioalbum der Gruppe CANDELILLA. Aufgenommen und abgemischt von Hannes Plattmeier und Tobias Levin, der auch produzierte, und geschrieben über 2 Jahre auf dem weiten Weg zwischen München und Hamburg. Und doch scheint es, als wäre diese Platte immer schon genau so da gewesen. Als hätten diese 10 Songs in all ihrer schillernden und wutentbrannten Schönheit nur darauf gewartet, dass jemand sie abholt, aufschreibt und auf die Record-Taste drückt.

CANDELILLA, immer schon mehr interdisziplinäres Kollektiv als bloße Rockband, erdacht in einem München, das man irgendwo zwischen dem Paris der Situationisten, dem Washington DC eines Ian Svenonius und dem NewYork City Valerie Solanas verorten kann. Performance, Poesie, Politik, und Liebe als Haltung. Und vor allem diese nicht zu bändigende Wut und unglaubliche tightness, die sie schon seit langem zu einer der intensivsten Live Bands des Landes macht. Ihr letztes Album, aufgenommen in Chicago mit Produzentenlegende Steve Albini, hatte diese Energie schon eindrucksvoll auf Platte gebracht. 4 Jahre später jedoch gehen CANDELILLA noch einen Schritt weiter. CAMPING ist keine Pop-Platte geworden, sie forscht viel eher nach den Möglichkeiten von Pop innerhalb des Kosmos CANDELILLA. Geht an Grenzen, tastet sie ab und observiert sie, ohne diese aber je zu überschreiten. CAMPING zeigt eine Band, die sich ihrer selbst so gewiss ist, dass sie sich neu erfinden kann, ohne auch nur eine Spur des Alten zurücklassen zu müssen.

Eine Gitarre wie ein Schrei, dann ein tröstender Klavierakkord, der eine Kadenz einleitet die über 2 Minuten Erwartungen weckt, aber nicht einlösen wird. So beginnt CAMPING mit dem euphorischen Instrumentalstück „Augen“, ganz als hätten sich Joy Division das Klavier von Talk Talk`s Colour of Spring geborgt. Die Gitarre hat sich in einem Feedback-Loop gefangen, während die Akkorde sich scheinbar endlos weiterbewegen. Das Ziel ist erst erreicht, wenn sich alles in dem ersten Wort der Platte gipfelt: Überprüfen. Man zuckt kurz zusammen. Die Stadt, durch die ich laufe, wird ganz still und ich beginne meine Schritte an die Musik anzugleichen. Wenn Mira Mann manisch 33 Muskeln, 27 Sehen wiederholt, spüre ich jede einzelne davon.

Augen, Hand, Sehnen, Muskeln. Es ist ganz zu Anfang schon alles eingeführt, was sich durch die weitere Platte ziehen wird: Körper werden seziert und immer wieder mit anatomischer Strenge in ihre Einzelteile zerlegt. Erst das Stück „Ruhig draußen“ benennt zum ersten Mal einen Körper in Einheit, ja wartet sogar mit der Bekenntnis auf: ich mag deinen Körper. Nur um gleich zu relativieren: Er hat eine schöne Oberfläche. Der Körper wirkt auch hier wieder eher wie ein Forschungsobjekt, als eines der Begierde, oder wie es in dem Text heißt: Du sendest News die mich interessieren. Ich beobachte dich einen ganzen Tag. Die Körper auf CAMPING atmen, spucken, tasten, kotzen. Aber sie bleiben Bodies without properties. Körper ohne Eigenschaften. Meine Augen leuchten, sie erzählen nichts.

Und dann der Titel: CAMPING. Auf den ersten Blick scheint er irritierend. Was will er bedeuten, wohin will er uns führen? Ich kann den Begriff zunächst nur als Anklage begreifen. Ich denke an Susan Sontags berühmten Text „notes on camp“, in dem sie das Wort „camping“ abfällig als jene Form der Tätigkeit versteht, die die vorsätzliche Produktion von „camp“ zum Ziel hat. Eine bewusste Einführung einer Haltung, die in Hinblick auf den Inhalt neutral ist und sich dem bloßen Stil hingibt. Oder wie Sontag schreibt: Der Sieg des „Stils“ über den „Inhalt“. Ganz wie einer der ungewöhnlichsten Songs auf diesem Album in seiner kristallinen Schönheit dem besungenen Paar am Pool mehr einen way of life zuschreibt, als Leben an sich zuerkennt: Sie liegen an einem Pool. Die Welt steht still.

Und ist CAMPING nicht auch die deutscheste aller Urlaubsarten? Der Traum vom mobilen Zuhause, der von der idealisierten Vorstellung einer Flucht aus dem Alltag lebt. Und macht CAMPING diese Flucht nicht eigentlich unmöglich, weil der Schritt von zu Hause wegzufahren in Wahrheit nie gewagt, nein, nicht einmal gewollt wird? Eine rein oberflächliche Auseinandersetzung mit dem Neuen, immer nur einen (Rück)Schritt entfernt vom wohligen Zuhause? Unbedingt unterwegs sein wollen, bloß um sich am Ende: keinen Zentimeter (zu) bewegen.
Aber könnte man den Begriff nicht auch positiv besetzen? Man müsste das Konzept von CAMPING wohl etwas allgemeiner fassen. Denn im Grunde bedeutet es doch auch: überall zu Hause zu sein. Sein Zuhause immer mit sich zu tragen. Das Gegenteil des all inklusive Gefängnisses, das wir Leben nennen. Das unbedingte Beharren darauf, dass Heimat transportabel zu sein hat und an keinen Boden dieser Erde gekoppelt sein kann.
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